Kultur, Musik und Gemeinschaft prägen die Community
Bei den Abrufzahlen der Beiträge von DA.news liegen Inhalte in polnischer Sprache oft weit vorne. Das hat uns überrascht, deshalb sind wir dem Thema nachgegangen und haben erfahren: Es gibt eine lebendige polnische Community in Darmstadt, die nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist. Dabei sind die vielfältigen Aktivitäten und Anlaufpunkte nicht nur für Polen offen, wie Ela Heller, Leiterin des Deutsch-Polnischen Kulturvereins Salonik, und Andrzej Kaluza vom Deutschen Polen-Institut berichten.
Die genaue Anzahl der Polen in Darmstadt zu bestimmen, ist schwierig. Viele haben die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen und werden somit nicht in der Statistik als Polen erfasst, wie Kaluza sagt. Offizielle Zahlen gingen von etwa 3.000 Personen mit polnischem Pass aus, aber die „Dunkelziffer“ der Personen polnischer Herkunft wird für Darmstadt und Dieburg auf 10.000 bis 20.000 geschätzt.
In den 1980er und 1990er Jahren gab es in Polen eine große Begeisterung für Deutschland, da Deutschland als Anwalt Polens in der EU und NATO wahrgenommen wurde. Es entstanden Städtepartnerschaften und Stiftungen. Heute zeigt das „Deutsch-Polnische Barometer“ des Deutschen Polen-Instituts jedoch, dass die Beziehungen schon besser waren, wie Kaluza sagt.
Abbau von Vorurteilen auf beiden Seiten
In Deutschland bestehe oft ein geringes Interesse an Polen, wobei positive Erfahrungen bei Besuchen dies änderten. Auf polnischer Seite wird beklagt, dass Deutschland Polen nicht auf Augenhöhe wahrnimmt. Die PiS-Regierung in Polen bewirkte trotz ihrer europaskeptischen Haltung, dass polnische Themen in Deutschland stärker wahrgenommen wurden, wie Kaluza sagt.
Frühere Stereotypen über „klauende“ oder „unpünktliche“ Polen sind nach Einschätzung Kaluzas bei jungen Generationen weniger verbreitet. Das Stereotyp vom „distanzierten Deutschen“ sieht Heller vom Kulturverein Salonik widerlegt; sie erlebte Deutsche als sehr hilfsbereit. Zum Abbau von Vorurteilen beigetragen hat auch der deutsche Comedian und Schauspieler Stefan Möller, der in Polen sehr bekannt und beliebt ist. Seine Auftritte in Darmstadt ziehen Hunderte von Zuschauern an, da er als Sympathieträger für die deutsch-polnische Verständigung gilt.
Polnische Angebote in Darmstadt für alle
Der Deutsch-Polnische Kulturverein Salonik: Der Verein wurde 2004 gegründet. Der Name Salonik (polnisch für „kleiner Salon“) ist ein Wortspiel. Das „ik“ am Ende des Wortes steht sowohl für „interkulturell“, ist zugleich aber auch eine polnische Verkleinerungsform. Salonik fördert die polnische Kultur und Sprache und engagiert sich im städtischen Leben Darmstadts. Neben verschiedenen Veranstaltungen und Ausstellungen wie aktuell mit Werken des 2025 verstorbenen Alex Fleischer im Offenen Haus in der Rheinstraße gibt es jedes Jahr drei Hauptaktivitäten.
Das Frühlings-/Winterkonzert mit polnischen Liedern und Gedichten fand dieses Jahr im Halbneuntheater statt. Im Sommer gibt es ein großes Grillfest, das gemeinsam mit anderen Organisationen veranstaltet wird und neben polnischem Essen, Musik und Folklore auch einen Bücherflohmarkt bietet. Dazu kommen bis zu 500 Gäste aus einem Umkreis von etwa 200 Kilometern.
Zum klassischen Herbstkonzert kommen seit 2004 Künstler aus Polen oder solche, die Werke polnischer Komponisten spielen wie der Filmkomponist Paweł Mykietyn. Dieses Jahr tritt am 15. November in der Orangerie die Konzertpianistin Alexandra Mikulska auf, die auch Präsidentin der deutschen Chopin-Gesellschaft ist.
Radio Darmstadt: Bei dem Bürgerradio läuft das zweistündige polnische Radioprogramm „Radio Bigos“ am Samstagnachmittag. Seit 25 Jahren wird es laut Kaluza auf hohem Niveau produziert und dient als wichtige Informationsquelle und Werbeplattform für polnische Veranstaltungen.
Politisches Engagement: Seit einigen Jahren wächst auch die politische Aktivität der polnischen Gemeinschaft im Ausländerbeirat von Darmstadt. Die Gruppe „Teilhabe für Darmstadt“ stellt dabei aktuell drei Mandate.
Sport und Bildung: Ein jährlicher Tennis-Cup in Kranichstein zieht seit 30 Jahren Polen aus ganz Deutschland an. Der Verein „Die Brücke“ ermöglichte über Elterninitiativen den Unterricht der polnischen Sprache für Kinder; heute wird Polnisch als Herkunftssprache in hessischen Schulen staatlich gefördert.
Handel und Gastronomie: Es gibt ein großes polnisches Lebensmittelgeschäft an der Eschollbrücker Straße und ein polnisches Restaurant in Arheilgen, das ebenfalls Veranstaltungen organisiert.
Jazz: In den 1970er und 1980er Jahren förderte der Darmstädter Jazzclub „Jam Pott“ polnische Jazzmusiker. Heute versucht der Verein „United in Jazz“, polnische und deutsche Jazzmusik zu verbinden.
Kirche: Es gibt eine polnische katholische Gemeinde in Darmstadt, die derzeit in der „Runden Kirche“ (Ludwigskirche Gottesdienste) abhält.
Von Stephan Köhnlein

Zu den Personen
Ela Heller ist eigentlich Bauingenieurin und kam 1990 aus Polen nach Deutschland. Den Deutsch-Polnischen Kulturverein Salonik in Darmstadt leitet sie seit mehr als 16 Jahren.
Andrzej Kaluza studierte Germanistik und Niederlandistik in Breslau, schloss in Frankfurt am Main ein Lehramtsstudium an und promovierte in Politikwissenschaft. Er ist Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt.
