Verschobene Bahnsanierung bringt Darmstadts Zeitplan ins Wanken
Der geplante Neubau der Rheinstraßenbrücke in Darmstadt steht vor neuen Schwierigkeiten. Weil die Deutsche Bahn ihre ursprünglich für 2030 vorgesehene Korridorsanierung der Main-Neckar-Bahn zwischen Frankfurt und Heidelberg auf einen Zeitpunkt nach 2031 verschiebt, fehlen der Stadt wichtige Zeitfenster für den Abriss und Neubau der Brücke. Damit ist der bisherige Zeitplan für das Großprojekt erneut gefährdet.
Die mehr als 110 Jahre alte Rheinstraßenbrücke ist seit 2023 für den Autoverkehr gesperrt. Ihr Ersatzneubau war über Jahre eng mit den geplanten Streckensperrungen der Bahn abgestimmt worden. Nun muss Darmstadt neue Vereinbarungen mit der Deutschen Bahn und dem Bundesverkehrsministerium treffen.
Bahnsanierung wird auf unbestimmte Zeit verschoben
Die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium haben ihr Konzept für die bundesweiten Korridorsanierungen überarbeitet. Statt der ursprünglich vorgesehenen 21 Sanierungen sollen zwischen 2027 und 2031 nur noch 13 umgesetzt werden. Die übrigen Maßnahmen werden verschoben.
Davon betroffen ist auch die Main-Neckar-Bahn zwischen Frankfurt und Heidelberg. Die dort für 2030 vorgesehene Sanierung soll erst nach 2031 stattfinden. Ein konkreter neuer Termin steht bislang nicht fest.
Für Darmstadt hat diese Entscheidung unmittelbare Folgen. Die für den Ersatzneubau der Rheinstraßenbrücke notwendigen Sperrpausen im Bahnverkehr waren auf die Korridorsanierung abgestimmt.
„Mit dieser Verschiebung fehlt unserem Projekt die tragende Grundlage“, erklärt Mobilitätsdezernent Paul Georg Wandrey. Ohne verbindliche Sperrzeiten könne die Stadt den abgestimmten Zeitplan nicht zuverlässig umsetzen.
Abriss zum Jahreswechsel 2027/2028 fraglich
Nach der bisherigen Planung sollte die bestehende Rheinstraßenbrücke zum Jahreswechsel 2027/2028 abgerissen werden. Dafür war eine dreiwöchige Sperrpause im Dezember 2027 vorgesehen.
Doch auch diese Arbeiten stehen inzwischen infrage. Die Deutsche Bahn hat nach Angaben der Stadt eingeräumt, dass notwendige Arbeiten an den Oberleitungen durch die DB InfraGO nicht wie zugesagt Ende 2027 ausgeführt werden können. Als Grund werden fehlende Kapazitäten bei den beauftragten Unternehmen genannt.
Eine weitere Sperrpause, die für den Neubau im Jahr 2029 in Aussicht gestellt worden war, hat die Bahn inzwischen ebenfalls abgesagt.
Damit fehlen derzeit sowohl für den geplanten Abriss als auch für den anschließenden Neubau verbindliche Termine.
„Wer heute eine Brücke abreißen will, muss wissen, wann die Gleise darunter stillstehen“, betont Wandrey. Diese Planungssicherheit sei derzeit nicht gegeben.
Ob die marode Brücke über den ursprünglich vorgesehenen Abrisszeitpunkt hinaus weiter genutzt werden könnte, lässt sich nach Angaben der Stadt derzeit nicht zuverlässig beurteilen.
Stadt warnt vor erheblichen Mehrkosten
Die Wissenschaftsstadt Darmstadt hat bereits Kontakt zum Bundesverkehrsministerium und zur DB InfraGO aufgenommen. Ziel ist es, Sperrpausen zu vereinbaren, die unabhängig von der verschobenen Korridorsanierung stattfinden können.
Bislang gibt es jedoch keine verbindlichen Zusagen. Mögliche Alternativen müssen zunächst geprüft und abgestimmt werden.
Wandrey warnt vor den wirtschaftlichen Folgen weiterer Verzögerungen. Zwar bewege sich das Projekt bislang innerhalb des beschlossenen Kostenrahmens, zusätzliche Verschiebungen könnten jedoch erhebliche finanzielle Risiken mit sich bringen.
Dazu zählen steigende Baupreise sowie zusätzliche Ausgaben für die länger notwendige Verkehrsführung und einen möglicherweise verlängerten Schienenersatzverkehr.
Auch die Vergabe von Bauleistungen ist derzeit blockiert. Ohne gesicherte Sperrzeiten kann die Stadt den Unternehmen keine verbindlichen Ausführungstermine nennen. Eine Ausschreibung und Vergabe der Abbruch- und Neubauarbeiten ist deshalb momentan nicht möglich.
„Wir planen weiter, aber wir können nicht bauen, wenn niemand weiß, wann. Das ist kein Planungsproblem der Stadt – das ist eine Frage der Zusagen von Bund und Bahn“, erklärt Wandrey.
Planungsrechtliche Voraussetzungen sind geschaffen
Die Stadt verweist darauf, dass die planerischen und rechtlichen Voraussetzungen für den Ersatzneubau inzwischen vorliegen.
Grundlage ist eine Machbarkeitsstudie der Darmstädter Stadtentwicklungsgesellschaft (DSE). Durch eine überarbeitete Konstruktion ohne Brückenpfeiler im Gleisbereich konnte die erforderliche Sperrzeit nach Angaben der Stadt von ursprünglich 245 auf 56 Tage reduziert werden.
Das Hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium hat dem dritten Planänderungsantrag auf dieser Grundlage zum 30. Juni 2026 zugestimmt. Auch die erforderlichen Zustimmungen weiterer beteiligter Stellen, darunter Regierungspräsidium, HEAG mobilo, Feuerwehr und Denkmalschutzbehörde, liegen vor.
Die denkmalgeschützten Brückenköpfe sollen beim Neubau erhalten bleiben und in die neue Konstruktion integriert werden.
Straßenbahnverkehr während der Bauzeit unterbrochen
Vor der Sperrung für den Autoverkehr passierten täglich rund 50.000 Fahrzeuge die Rheinstraßenbrücke. Sie gehört damit zu den wichtigsten Verkehrsverbindungen Darmstadts.
Während der Bauarbeiten soll auch der Straßenbahnverkehr für etwa drei Jahre unterbrochen werden. Für diesen Zeitraum ist ein Ersatzverkehr mit Bussen vorgesehen.
Wie sich die aktuellen Verzögerungen auf den Beginn und die Dauer dieser Einschränkungen auswirken, ist derzeit offen.
Die Stadt will ihre Planungen trotz der Unsicherheiten fortsetzen und mit Bund und Bahn nach tragfähigen Lösungen suchen. Dabei soll die Rheinstraßenbrücke auch bei der Priorisierung künftiger Bahnmaßnahmen ab 2032 berücksichtigt werden.
Über den weiteren Projektstand informiert Mobilitätsdezernent Wandrey regelmäßig in Quartalsberichten. Die Darmstädter Stadtentwicklungsgesellschaft bereitet zudem eine ausführliche Vorlage für die Stadtverordnetenversammlung vor.
(DARMSTADT – RED/PSD/ho)


