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Nach Irritationen bei Gedenken am Jüdischen Friedhof gemeinsame Erklärung
Nach Irritationen bei einer Gedenkveranstaltung am 27. Januar vor dem Jüdischen Friedhof in Groß-Gerau haben sich Veranstaltende und Stadtverwaltung zu einem klärenden Gespräch getroffen. Dabei wurde Einigkeit erzielt, dass sich ein entsprechendes Vorgehen nicht wiederholen dürfe.
Kurz vor Ende der Veranstaltung hatte ein Mitarbeiter der Stadtpolizei den Versammlungsleiter auf eine Zeitüberschreitung hingewiesen und angemerkt, dass die abschließende Rede aus seiner Sicht keinen direkten Bezug mehr zum Anlass der Gedenkveranstaltung habe. In ihrer Ansprache hatte sich Monika Kanzler-Sackreuther von der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ kritisch mit der Rolle der Alternative für Deutschland auseinandergesetzt.
Empörung und offener Brief
Das Vorgehen der Stadtpolizei hatte bei den Veranstaltenden – dem DGB-Orts- und Kreisverband Groß-Gerau, dem Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur Kreis Groß-Gerau, dem VVN-BdA sowie dem Evangelischen Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim – Empörung ausgelöst. Auch die Partei Die Linke äußerte in einem offenen Brief deutliche Kritik, zudem wandten sich zahlreiche Privatpersonen schriftlich an den Bürgermeister.
Bei einem Treffen im Stadthaus wurde der Vorfall in konstruktiver Atmosphäre erörtert. In einer gemeinsamen Erklärung betonten Veranstaltende und Stadtverwaltung, dass weitere Schuldzuweisungen nicht zielführend seien. Ziel sei es, gemeinsam für Demokratie, Menschenrechte, Antifaschismus sowie gegen Diskriminierung und Rassismus einzutreten.
Stadtverwaltung sensibilisiert Mitarbeitende
Bürgermeister Jörg Rüddenklau und Ordnungsamtsleiter Lebrecht Viebahn erklärten, man nehme den Vorfall sehr ernst. In einer Teamsitzung sowie in Einzelgesprächen sei der Einsatz nachbesprochen worden, um für vergleichbare Situationen zu sensibilisieren.
Von Mitarbeitenden dürfe keine inhaltliche Bewertung von Reden vorgenommen werden, so Rüddenklau, sofern keine strafrechtlich relevanten Tatbestände berührt seien – was hier nicht der Fall gewesen sei. Meinungs- und Versammlungsfreiheit seien hohe Güter, die es zu schützen gelte.
Erinnerungskultur und Verantwortung der Stadt
Monika Kanzler-Sackreuther sowie Walter Ullrich, Vorsitzender des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur Kreis Groß-Gerau, betonten, dass die Stimmung bei der Gedenkveranstaltung nicht aufgeheizt gewesen sei. Vielmehr sei sie wie üblich verlaufen. Lothar Reininger, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Frankfurter Adlerwerke, habe eine bewegende Ansprache zur Zwangsarbeit im Fahrzeug- und Maschinenbauunternehmen gehalten.
Bruno Walle, Versammlungsleiter und DGB-Ortsverbandsvorsitzender, sowie DGB-Kreisverbandsvorsitzender Georg Germann wünschten sich mehr Fingerspitzengefühl. Mit Blick auf die Geschichte verwies Germann darauf, wie schnell ein Abkippen in einen faschistischen oder totalitären Staat erfolgen könne. Die Erinnerung wachzuhalten sei daher von besonderer Bedeutung.
Kanzler-Sackreuther ergänzte, Groß-Gerau sei eine von wenigen Städten mit einem VVN-Gedenkstein. Daraus ergebe sich eine besondere Verantwortung, der die Stadt bislang stets gerecht geworden sei.
Bürgermeister Rüddenklau unterstrich erneut sein persönliches Engagement gegen Antisemitismus, Diskriminierung und Rassismus sowie für Demokratie. Er habe bereits seine Teilnahme an einer für den 14. März auf dem Sandböhl geplanten Veranstaltung des „Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus“ zugesagt. Ziel bleibe es, gemeinsam und uneingeschränkt für Demokratie und Menschenrechte einzutreten und diese zu verteidigen.
(GROSS-GERAU – RED/PSGG)