Gedenkveranstaltung am 9. November mit Schweigemarsch und Kranzniederlegung an der ehemaligen Synagoge
Mit einem Schweigemarsch, Redebeiträgen und einer Kranzniederlegung erinnert die Kreisstadt Groß-Gerau am Montag, 9. November 2026, an die Opfer der nationalsozialistischen Pogromnacht von 1938. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 18 Uhr vor dem Stadtmuseum und führt zur Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge in der Adolf-Göbel-Straße. Gemeinsam mit den Kirchengemeinden lädt die Stadt alle Bürgerinnen und Bürger ein, an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zu erinnern und ein Zeichen gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu setzen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen sowohl die historischen Ereignisse in Groß-Gerau als auch die Verantwortung, die sich aus der Erinnerung für die Gegenwart ergibt.
Schweigemarsch zur ehemaligen Synagoge
Die Gedenkveranstaltung beginnt vor dem Stadtmuseum Groß-Gerau. Von dort ziehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem Schweigemarsch zur Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge in der Adolf-Göbel-Straße.
An der Gedenkstätte sind mehrere Redebeiträge vorgesehen. Sprechen werden Bürgermeister Jörg Rüddenklau, Elma Weyerhäuser von der Initiative „Omas gegen Rechts Groß-Gerau“ und Imam Ferhad Ghaffar von der Ahmadiyya Muslim Jamaat.
Schülerinnen und Schüler der Prälat-Diehl-Schule beteiligen sich mit der Verlesung von Augenzeugenberichten. Damit sollen die damaligen Ereignisse und die Erfahrungen der betroffenen Menschen in Erinnerung gerufen werden.
Für die musikalische Umrahmung sorgt der Posaunenchor der evangelischen Stadtkirchengemeinde.
Zum Abschluss legen Bürgermeister Jörg Rüddenklau und Pfarrerin Josephine Haas von der evangelischen Stadtkirchengemeinde gemeinsam einen Kranz nieder.
Synagoge in Groß-Gerau wurde 1938 zerstört
Die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hinterließ auch in Groß-Gerau tiefe Spuren.
In dieser Nacht wurde die Synagoge der jüdischen Gemeinde zerstört. Das Gotteshaus war erst 1892 eingeweiht worden und hatte damit weniger als fünf Jahrzehnte bestanden.
Die Gewalt richtete sich jedoch nicht nur gegen das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinde. Auch Wohnhäuser jüdischer Bürgerinnen und Bürger wurden verwüstet und geplündert.
Die Übergriffe waren Teil der reichsweiten nationalsozialistischen Gewaltaktionen gegen die jüdische Bevölkerung. In ganz Deutschland wurden mehr als 1.400 Synagogen und Betstuben sowie etwa 7.500 Geschäfte und Wohnungen zerstört. Auch jüdische Friedhöfe und weitere Einrichtungen wurden verwüstet.
Jüdische Männer wurden nach Buchenwald verschleppt
Die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Groß-Gerau setzte sich in den Tagen nach der Pogromnacht fort.
Am 11. und 12. November 1938 wurden jüdische Männer aus Groß-Gerau festgenommen und in die Bürgermeisterei gebracht. Die Nationalsozialisten bezeichneten diese willkürlichen Festnahmen als „Schutzhaft“.
Dort wurden die Männer gedemütigt. Zwölf der Verhafteten mussten anschließend auf dem Marktplatz unter Zwang sogenannte Turnübungen ausführen.
Danach wurden sie auf Lastwagen verladen und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.
Die Ereignisse verdeutlichen, wie die nationalsozialistische Verfolgung auch in Groß-Gerau öffentlich sichtbar wurde und mit systematischer Erniedrigung, Gewalt und Entrechtung einherging.
Pogromnacht war keine spontane Gewalteskalation
Die Nationalsozialisten versuchten damals, die Übergriffe als Ausdruck eines angeblich spontanen Volkszorns darzustellen.
Als Vorwand diente das Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath in Paris.
Diese Darstellung gilt historisch als widerlegt. Die Gewaltaktionen wurden von der nationalsozialistischen Führung angestoßen und unterstützt. SA-Mitglieder und weitere Beteiligte griffen jüdische Menschen, Geschäfte und Einrichtungen an.
Polizei und Feuerwehr griffen vielfach nicht ein. Bei brennenden Synagogen beschränkte sich die Feuerwehr häufig darauf, benachbarte Gebäude vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen.
Die Pogromnacht markierte eine weitere Eskalation der nationalsozialistischen Judenverfolgung und machte die staatlich geduldete und organisierte Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung unübersehbar.
Bürgermeister Rüddenklau mahnt zu Toleranz und Respekt
Für Groß-Geraus Bürgermeister Jörg Rüddenklau ist die Erinnerung an die Pogromnacht nicht nur ein Blick auf die Vergangenheit, sondern zugleich eine Verpflichtung für die Gegenwart.
„Die Pogromnacht von 1938 ist ein düsteres Kapitel in unserer Geschichte. Die Erinnerung daran muss aufrechterhalten werden und wir werden weiter entschieden gegen Hass und Vorurteile eintreten“, erklärt Rüddenklau.
Dabei gehe es nicht allein darum, der Opfer zu gedenken. Die damaligen Ereignisse müssten vielmehr als Mahnung verstanden werden, sich auch heute gegen Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung einzusetzen.
„Lassen Sie uns gemeinsam für eine Gesellschaft eintreten, die von Toleranz, Vielfalt und Respekt geprägt ist!“, appelliert der Bürgermeister.
Mit der Gedenkveranstaltung möchte die Kreisstadt Groß-Gerau gemeinsam mit den Kirchengemeinden und den weiteren Mitwirkenden ein Zeichen für eine offene und demokratische Gesellschaft setzen.
Die wichtigsten Daten
Was: Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9. November 1938
Wann: Montag, 9. November 2026
Beginn: 18 Uhr
Treffpunkt: Vor dem Stadtmuseum Groß-Gerau
Gedenkort: Ehemalige Synagoge, Adolf-Göbel-Straße, Groß-Gerau
Ablauf: Schweigemarsch, Redebeiträge, Augenzeugenberichte und Kranzniederlegung
Redner: Bürgermeister Jörg Rüddenklau, Elma Weyerhäuser und Imam Ferhad Ghaffar
Weitere Mitwirkende: Schülerinnen und Schüler der Prälat-Diehl-Schule, Posaunenchor der evangelischen Stadtkirchengemeinde und Pfarrerin Josephine Haas
Veranstalter: Kreisstadt Groß-Gerau in Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden
Teilnahme: Alle Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen
(GROSS-GERAU – RED/PSGG)
Beitragsbild: Mit einem Schweigemarsch und einer Gedenkstunde am Standort der ehemaligen Groß-Gerauer Synagoge in der Adolf-Göbel-Straße wird am Montag, 9. November 2026, an die Pogromnacht von1938 erinnert. Die Aufnahme entstand im vergangenen Jahr. Foto: Kreisstadt Groß-Gerau/Gerd Keim


