Stadtwerke setzen auf intelligente Schlagfallen und gezielte Köder – Giftverbrauch um rund 95 Prozent reduziert
In Groß-Gerau werden derzeit vermehrt Ratten gesichtet. Bei den Stadtwerken und der Stadtverwaltung gehen entsprechend viele Hinweise aus der Bevölkerung ein. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass die Zahl der Tiere gestiegen ist. Vielmehr suchen Ratten im Herbst verstärkt innerhalb der Stadt nach Nahrung. Die Groß-Gerauer Stadtwerke setzen bei der Bekämpfung inzwischen auf ein neues System aus intelligenten Schlagfallen, geschützten Giftködern und digitaler Überwachung. Dadurch konnte der Einsatz von Rattengift nach Angaben der Stadtwerke um rund 95 Prozent reduziert werden.
Die Umstellung erfolgte bereits zu Jahresbeginn. Hintergrund sind unter anderem neue Vorschriften für den Einsatz von Rattengift in der Kanalisation, die seit Juli 2026 gelten.
Warum Ratten im Herbst häufiger zu sehen sind
Mit sinkenden Temperaturen verändert sich das Nahrungsangebot für Ratten. Auf Feldern und in der freien Landschaft finden die Tiere weniger Futter und suchen deshalb verstärkt in bebauten Gebieten nach Nahrung.
„Auf Feldern und in der Gemarkung finden Ratten in der kalten Jahreszeit weniger Futter. Deshalb suchen sie verstärkt in der Stadt nach Nahrung“, erklärt Jasmin Werner von den Groß-Gerauer Stadtwerken.
Schätzungen zufolge kommen auf jeden Menschen etwa zwei bis vier Ratten. Auf Groß-Gerau übertragen würde dies einer Population von rund 50.000 bis 100.000 Tieren entsprechen. Dabei handelt es sich allerdings um eine rechnerische Schätzung und nicht um eine tatsächlich ermittelte Anzahl.
Häufig werden Ratten in der Kanalisation beobachtet. Diese dient den Tieren jedoch nicht unbedingt als dauerhafter Lebensraum.
„Unsere Kanalrohre dienen ihnen eher als Verkehrswege. Sie sind gewissermaßen das Tunnelsystem der Ratten“, erläutert Harald Steiger, Technischer Leiter der Stadtwerke Groß-Gerau.
Dauerhafter Einsatz von Giftködern nicht mehr erlaubt
Bei der Rattenbekämpfung hat sich in diesem Jahr einiges verändert.
Seit dem 1. Juli 2026 ist die sogenannte befallsunabhängige Dauerbeköderung mit Rattengift verboten. Giftköder dürfen damit nicht mehr vorsorglich und dauerhaft ohne festgestellten Befall ausgelegt werden.
„Es muss erst ein Befall festgestellt werden, um bekämpfen zu dürfen“, erklärt Abwassermeister Timothy Reichert.
Die Stadtwerke Groß-Gerau haben ihr Bekämpfungssystem deshalb bereits Anfang 2026 umgestellt.
Statt flächendeckend Giftköder auszulegen, werden die Tiere nun gezielt dort bekämpft, wo entsprechende Aktivitäten festgestellt werden.
Intelligente Schlagfallen arbeiten mit Sensoren
Eine wichtige Rolle spielen dabei neuartige Schlagfallen, die speziell für den Einsatz in engen Kanalrohren geeignet sind.
Die Fallen verfügen über Sensoren, die sowohl Bewegungen als auch Körperwärme registrieren. Erst wenn beide Signale erkannt werden, löst die Falle aus.
Die Ratte wird dabei durch mehrere Bolzen schnell getötet. Anschließend wird das tote Tier durch die Strömung des Abwassers in Richtung Kläranlage transportiert.
Die Falle stellt sich automatisch zurück und ist danach erneut einsatzbereit.
Die Stadtwerke platzieren die Schlagfallen jeweils für etwa drei Monate in einem bestimmten Quartier. Anschließend können sie an anderen Stellen eingesetzt werden.
Giftköder dürfen nicht mehr mit Wasser in Kontakt kommen
Neben den Schlagfallen kommen weiterhin Giftköder zum Einsatz. Allerdings gelten auch dafür strengere Anforderungen.
Seit diesem Jahr darf Rattengift in der Kanalisation nur noch in speziellen Köderschutzstationen verwendet werden. Diese verhindern, dass die Giftköder mit Wasser in Berührung kommen.
Die Stadtwerke kontrollieren dabei auch den Verbrauch der Köder. Durch regelmäßiges Wiegen lässt sich feststellen, wie viel davon gefressen wurde.
Die Köderschutzstationen werden regelmäßig kontrolliert, mit neuen Ködern bestückt und an andere Standorte versetzt.
Damit soll der Einsatz von Gift gezielter erfolgen und zugleich verhindert werden, dass giftige Stoffe in das Abwasser gelangen.
Digitale Überwachung liefert Daten aus der Kanalisation
Ein weiterer Bestandteil des neuen Systems ist die digitale Überwachung.
Sowohl die Schlagfallen als auch die Köderschutzstationen übermitteln Daten, wenn Aktivitäten registriert werden. Bei den Schlagfallen wird beispielsweise erfasst, wenn eine Falle auslöst. Die Köderschutzstationen melden, wenn sie von Ratten betreten werden.
Dadurch können die Stadtwerke nachvollziehen, an welchen Stellen im Kanalnetz besonders viele Aktivitäten stattfinden.
„Das gezielte Monitoring haben wir seit diesem Jahr“, erklärt Jasmin Werner.
Langfristig sollen die gesammelten Daten helfen, Entwicklungen besser einzuschätzen und die Bekämpfung noch gezielter zu steuern.
In diesem Jahr wurde bei beiden Systemen zusammen bereits eine mittlere vierstellige Zahl an Kontakten registriert. Daraus lässt sich allerdings nicht unmittelbar ableiten, wie viele Ratten tatsächlich bekämpft wurden.
Rund 95 Prozent weniger Rattengift
Die Umstellung zeigt nach Angaben der Stadtwerke bereits deutliche Auswirkungen auf den Giftverbrauch.
Abwassermeister Timothy Reichert beziffert die Einsparung auf rund 95 Prozent.
Früher sei praktisch jeder zweite Kanalschacht mit Giftködern ausgestattet worden. Diese seien jedoch häufig durch das Wasser weggespült worden, wodurch das Gift ins Abwasser gelangte.
Mit dem neuen System können die Stadtwerke gezielter reagieren und gleichzeitig den Einsatz giftiger Stoffe erheblich verringern.
Nach Einschätzung Reicherts ist Groß-Gerau durch die frühzeitige Umstellung bereits weiter als viele andere Kommunen.
Besondere Schwerpunkte der Bekämpfung sind große Wohnanlagen und Industriegebiete. An bekannten Brennpunkten wird dauerhaft gegen Ratten vorgegangen.
Wer ist bei Rattensichtungen zuständig?
Nicht jede Rattensichtung fällt in den Verantwortungsbereich der Stadtwerke.
Die Zuständigkeit richtet sich danach, wo die Tiere beobachtet werden.
Kanalisation und Straßen: Hier sind die Stadtwerke Groß-Gerau zuständig.
Öffentliche Plätze, Parks, Grünanlagen, Spielplätze und Friedhöfe: Für diese Bereiche ist die Stadtverwaltung verantwortlich.
Privatgrundstücke: Hier müssen sich die jeweiligen Eigentümerinnen und Eigentümer um die Bekämpfung kümmern.
Nach Angaben der Stadtwerke besteht eine gesetzliche Verpflichtung, Rattensichtungen zu melden. Nur wenn bekannt ist, wo die Tiere auftreten, können geeignete Maßnahmen eingeleitet werden.
Essensreste gehören nicht in die Toilette
Auch die Bevölkerung kann dazu beitragen, das Nahrungsangebot für Ratten zu verringern.
Besonders wichtig ist, keine Essensreste über die Toilette oder die Kanalisation zu entsorgen.
Denn Lebensmittelabfälle, die in den Abwasserkanälen landen, bieten den Nagern eine leicht zugängliche Nahrungsquelle.
„Für Ratten wäre das so etwas wie ein Fließbandbüfett“, erklärt Jasmin Werner.
Wer Lebensmittelreste ordnungsgemäß entsorgt, trägt damit auch dazu bei, die Lebensbedingungen für Ratten in der Kanalisation weniger attraktiv zu machen.
Rattensichtungen melden: Die Ansprechpartner
Ratten in der Kanalisation oder im Straßenbereich
Stadtwerke Groß-Gerau – Stadtentwässerung
Telefon: 06152 93150
E-Mail: abwasser@stadtwerke-gg.de
Ratten auf öffentlichen Plätzen, in Parks oder Grünanlagen
Kreisstadt Groß-Gerau – Fachdienst Sicherheit und Ordnung
Telefon: 06152 7163100
E-Mail: sicherheitundordnung@gross-gerau.de
Ratten auf Privatgrundstücken
Für die Bekämpfung sind die Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümer verantwortlich.
(GROSS-GERAU – RED/PSGG)


