Darmstadts Oberbürgermeister über Wohnraum, Infrastruktur und die Zukunft des Ludwigshöhviertels
Das Ludwigshöhviertel gehört zu den größten Stadtentwicklungsprojekten Darmstadts. Rund 3.100 Menschen sollen auf dem ehemaligen Kasernengelände künftig ein neues Zuhause finden. Doch ein neues Quartier besteht aus mehr als Wohnungen: Schulen, Kitas, Nahverkehr, soziale Infrastruktur und nicht zuletzt eine eigene Identität müssen entstehen. Oberbürgermeister Hanno Benz spricht über die Maßstäbe, an denen sich das Projekt messen lassen muss, über Kosten und seine Kritik an bisherigen Festlegungen – und darüber, warum er eine künstlich erzeugte Nachbarschaft wenig überzeugend findet.
Herr Benz, das Ludwigshöhviertel ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Darmstadts. Woran werden Sie in zehn Jahren messen, ob es erfolgreich war?
Zunächst einmal muss es fertiggestellt sein. Und es muss ein Wohnquartier sein, in dem das gewährleistet ist, was qualitätsvolles Wohnen ausmacht: eine gute Versorgung, eine gute ÖPNV-Anbindung, ein sozial ausgeglichenes Quartier und die notwendige soziale Infrastruktur.
Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Die Ludwigshöhhalle ist inzwischen eingeweiht, die Landschaftstreppen sind fertiggestellt und weitere Projekte sind geplant. Wir bauen hier auch eine Schule. Entscheidend ist am Ende, dass all diese Dinge nicht nur vorhanden sind, sondern auch funktionieren.
Gleichzeitig ist bezahlbarer Wohnraum und seniorengerechtes Wohnen angesichts steigender Kosten ein Thema. Wie kann das Ludwigshhöhviertel sozial durchmischt bleiben?
Wir haben in Darmstadt grundsätzlich das Problem, dass die Mieten zu hoch sind. Wir müssen deshalb auch Menschen mit mittleren Einkommen günstigen und bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen. Das gilt auch für ältere Menschen und für seniorengerechtes Wohnen. Das ist vor dem Hintergrund einer wachsenden Stadt, in der Wohnraum stark nachgefragt wird, eine zentrale Aufgabe.
Bei neu entstehenden Quartieren ist es wichtig, eine möglichst breite soziale Durchmischung zu erreichen. Wir wollen verhindern, dass eine einseitige Bewohnerstruktur entsteht. Gerade im Ludwigshöhviertel ist das wichtig, weil dort am Ende rund 3.100 Menschen leben sollen. Das ist keine kleine Zahl.
Allerdings hat die Immobilien- und Baubranche in den vergangenen Jahren massiv unter den verschiedenen Krisen gelitten. Der frei finanzierte Wohnungsbau ist dadurch praktisch zusammengebrochen. Das hat auch im Ludwigshöhviertel zu einer gewissen Ungleichzeitigkeit der Entwicklung geführt.
Ein neues Viertel bringt aber nicht nur Wohnungen, sondern auch zusätzliche Anforderungen an Schulen, Kitas und andere Infrastruktur. Wie stellt die Stadt sicher, dass diese Entwicklung Schritt hält?
In einem neu entstehenden Wohnquartier braucht man die entsprechende soziale Infrastruktur. Dazu gehören Schulen, Kitas, Quartierstreffpunkte und ein Familienzentrum. Man braucht aber auch Menschen, die sich um die Bedürfnisse der neuen Bewohnerinnen und Bewohner kümmern. Deshalb ist es richtig, dass es einen Quartiersmanager beziehungsweise Quartiersbeauftragten geben soll.
Bei der Schule stehen wir ebenfalls vor einer wichtigen Aufgabe. Zunächst gibt es Ersatzbauten, der endgültige Bau muss jetzt auf den Weg gebracht und möglichst schnell fertiggestellt werden.
Gleichzeitig müssen wir uns die Kosten sehr genau anschauen. Gerade bei Funktionsbauten bin ich der Auffassung, dass wir künftig stärker über kostengünstige und modulare Bauweisen nachdenken müssen.
Das klingt auch nach einer gewissen Selbstkritik. Gab es Entscheidungen beim Ludwigshöhviertel, die Sie heute anders treffen würden?
Die grundlegenden Beschlüsse sind vor meiner Amtsübernahme getroffen worden. Für mich gilt deshalb der Grundsatz „Pacta sunt servanda“ – Vereinbarungen müssen eingehalten werden. Deshalb ist es richtig, das Projekt so umzusetzen, wie es geplant wurde.
Wenn ich heute allerdings einen städtebaulichen Vertrag gestalten könnte, würde ich mich nicht in derselben Form festlegen. Gerade bei Schulen, Kitas und anderen Funktionsgebäuden würde ich stärker auf kostengünstiges, modulares Bauen setzen.
Das bedeutet nicht, dass solche Gebäude schlechter sein müssen. Sie können trotzdem die Klimaschutzanforderungen erfüllen und qualitativ hochwertig sein. Aber sie können kostengünstiger sein. Und angesichts der Entwicklung der Baukosten müssen wir darüber sprechen.

Ein neues Quartier kann baulich funktionieren und trotzdem zunächst etwas anonym wirken. Was braucht das Ludwigshöhviertel, damit dort echte Nachbarschaft entsteht?
Ich glaube, vor allem die Bereitschaft der Menschen, die dort wohnen, sich mit diesem Ort zu identifizieren. Das kann man nicht künstlich erzeugen. Es funktioniert nicht unbedingt über von außen initiierte Nachbarschaftsvereine oder Stadtteilfeste.
Wenn ich mir beispielsweise Lincoln anschaue, gibt es dort einen Verein, der gemeinsam Brot backt und dafür einen Brotbackofen gebaut hat. Es gibt initiierte Stadtteilfeste. Ich finde vieles davon eher künstlich und wenig organisch.
Ein Stadtteil muss sich aus den Menschen heraus entwickeln. Das kann man nicht von außen verordnen.
Muss das Ludwigshöhviertel überhaupt eine eigene Identität entwickeln – oder könnte es stärker Teil eines bestehenden Stadtteils werden?
Vielleicht braucht es gar keine völlig eigenständige Identität. Eine starke Anbindung an einen bestehenden Stadtteil kann genauso sinnvoll sein. Beim Ludwigshöhviertel liegt beispielsweise die Verbindung zu Bessungen nahe.
Es ist selten so, dass ein Stadtteil völlig alleine entsteht und sich als Solitär entwickelt. In der Regel sind neue Quartiere Teil eines bestehenden Stadtteils. Genau das könnte hier ebenfalls sinnvoll sein.
Die Ludwigshöhe selbst liegt schließlich dort oben. Das neue Quartier hier unten ist vor allem ein ehemaliges Kasernengebiet, das im Rahmen der Konversion einer zivilen Nutzung zugeführt wird. Wir schaffen dort dringend benötigten Wohnraum. Aber es ist keine künstliche Stadt, die dort entsteht.
Ist das Ludwigshöhviertel damit eher das Ende einer klassischen Stadterweiterung oder der Auftakt für weitere große Projekte?
Das hängt davon ab, wie sich die Bevölkerungsentwicklung darstellt. Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass wir Stadtentwicklung nicht isoliert betrachten können. Wir müssen sie regional denken.
Wenn der Bevölkerungszuzug anhält, stellt sich natürlich die Frage, wo wir künftig weiteren Wohnraum schaffen. Das derzeit größte Quartiersentwicklungsprojekt, das wir darüber hinaus noch haben, ist das Klinikgelände in Eberstadt. Es ist allerdings bei Weitem nicht so groß wie das Ludwigshöhviertel.
Bei zukünftigen Quartieren sollten wir meiner Meinung nach auch stärker dem Bedürfnis der Menschen nach Eigenheimen und Einfamilienhäusern Rechnung tragen. Das haben wir beim Ludwigshöhviertel bewusst nicht gemacht.
Beim Klinikgelände in Eberstadt habe ich deshalb angestoßen, auch diese Frage bei der Planung mitzudenken. Stadtentwicklung wird uns also auch nach dem Ludwigshöhviertel weiter beschäftigen.
(DARMSTADT – RED)
Beitragsbild: Oberbürgermeister Hanno Benz und Pressesprecher Frank Horneff im Gespräch mit Ulrich Diehl. Fotos: Marc Bartolo

