Mehr als 100 Menschen informieren sich über die Zukunft des Fernwärmenetzes „Am Hohen Weg“ – ENTEGA prüft Übernahme der Wärmeerzeugung
Wie geht es mit der Wärmeversorgung im Riedstädter Stadtteil Goddelau weiter? Diese Frage beschäftigt derzeit zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers „Am Hohen Weg“. Mehr als 100 Menschen kamen zu einer Informationsveranstaltung der Büchnerstadt Riedstadt in die Christoph-Bär-Halle, um sich über die geplante Neuausrichtung der Wärmeversorgung zu informieren. Hintergrund ist die Ankündigung von Vitos Südhessen, künftig keine Wärme mehr für das Quartier produzieren zu wollen.
Bürgermeister Marcus Kretschmann versuchte gleich zu Beginn, die Sorgen der Anwohner zu zerstreuen: „Niemand wird im Kalten sitzen!“ Gemeinsam mit Vertretern von Vitos Südhessen, ENTEGA und dem städtischen Sanierungsmanagement erläuterte er die möglichen Lösungen und stellte sich den Fragen der Bürger.
Vitos möchte aus der Wärmeerzeugung aussteigen
Bislang wird die Wärme für das Quartier von Vitos Südhessen produziert. Die ENTEGA übernimmt die Verteilung über das bestehende Fernwärmenetz an die angeschlossenen Haushalte.
Diese Aufgabenteilung könnte sich künftig ändern. Vitos Südhessen möchte die Wärmelieferung einstellen, um sich stärker auf das eigentliche Kerngeschäft, den Betrieb der Klinik, zu konzentrieren. Das erläuterte Geschäftsführer Ralf Schulz während der Veranstaltung.
Welche Möglichkeiten sich daraus für die weitere Versorgung ergeben, stellte der städtische Sanierungsmanager Benjamin Krick vor.
Eine Option wäre, dass die ENTEGA künftig nicht nur die Verteilung, sondern auch die Erzeugung der Wärme übernimmt. Dabei sind unterschiedliche Modelle denkbar: Die Versorgung könnte weiterhin sowohl das Quartier als auch Vitos umfassen oder ausschließlich auf die angeschlossenen Haushalte ausgerichtet werden.
ENTEGA könnte Wärme mit Wärmepumpen erzeugen
Nach Angaben von Martin Freystein, Bereichsleiter Wärme bei ENTEGA, würde das Unternehmen bei einer Übernahme der Wärmeerzeugung auf eine Luft-Wasser-Wärmepumpe setzen.
Wo die entsprechende Anlage entstehen könnte und ob sie künftig auch Vitos mit Wärme versorgen würde, ist bislang offen.
Grundsätzlich sei ENTEGA daran interessiert, auch künftig als Wärmelieferant tätig zu bleiben. Denkbar wäre allerdings ebenso, dass ein anderes Unternehmen die Versorgung übernimmt.
Freystein erklärte, ENTEGA sei als wirtschaftlich tätiges Unternehmen auch bereit, über einen Verkauf des bestehenden, noch nicht vollständig abgeschriebenen Wärmenetzes zu verhandeln.
Dezentrale Wärmepumpen als Alternative
Eine grundsätzlich andere Möglichkeit wäre der Umstieg auf einzelne Wärmepumpen in den Gebäuden des Quartiers.
Nach Einschätzung von Sanierungsmanager Benjamin Krick bietet der Gebäudebestand „Am Hohen Weg“ dafür günstige Voraussetzungen. Die Häuser verfügen über einen vergleichsweise guten Wärmeschutz, sodass dezentrale Wärmepumpen effizient betrieben werden könnten.
Aus den Wortmeldungen während der Veranstaltung wurde deutlich, dass einige Eigentümer diese Lösung aus wirtschaftlichen Gründen bevorzugen würden.
Allerdings wurden auch die Nachteile angesprochen. Die Anschaffung einer eigenen Wärmepumpe wäre mit erheblichen individuellen Investitionen verbunden. Gerade ältere oder finanziell weniger gut gestellte Eigentümer könnten dadurch überfordert werden. Auch für Vermieter, die ihre Immobilien nicht selbst bewohnen, könnte sich eine solche Umstellung wirtschaftlich nachteilig auswirken.
Anschlusszwang erschwert individuelle Lösungen
Ein wesentlicher Punkt der Diskussion war der bestehende Anschluss- und Benutzungszwang für die Fernwärmeversorgung im Quartier.
Dieser ist durch eine kommunale Satzung geregelt und verpflichtet die betroffenen Gebäude grundsätzlich dazu, die Wärmeversorgung über das bestehende Netz zu nutzen. Andere Wärmeerzeuger sind derzeit nicht zulässig. Ausnahmen bestehen für Solaranlagen und Holzöfen sowie für Gebäude mit einem extrem niedrigen Wärmebedarf auf Passivhausniveau.
Mehrere Teilnehmer wollten wissen, weshalb die Stadt diese Verpflichtung nicht einfach aufheben könne.
Bürgermeister Marcus Kretschmann erläuterte, dass dadurch die über das Fernwärmenetz abgenommene Wärmemenge sinken würde. Die Kosten für den Betrieb des Netzes müssten dann auf weniger Haushalte verteilt werden.
„Dann wird es für die verbleibenden Wärmekunden teurer, weil sie die Netzkosten alleine tragen müssten“, erklärte Kretschmann.
Damit steht die Stadt vor der Herausforderung, sowohl wirtschaftlich tragfähige Lösungen für das gesamte Versorgungsgebiet als auch die Interessen einzelner Eigentümer zu berücksichtigen.
Anwohner sollen zu ihren Vorstellungen befragt werden
Während der Veranstaltung konnten die Bürger zahlreiche Fragen stellen und ihre eigenen Vorstellungen einbringen. Viele hatten bereits im Vorfeld Fragen eingereicht, die von den Vertretern der Stadt, von Vitos Südhessen und ENTEGA beantwortet wurden.
Dabei wurde deutlich, dass die künftige Wärmeversorgung nicht allein eine technische Frage ist. Auch die langfristigen Kosten, die finanzielle Belastbarkeit der Eigentümer und die Möglichkeiten individueller Lösungen spielen eine wichtige Rolle.
Eine Anregung aus dem Publikum griff Bürgermeister Kretschmann schließlich auf: Die Nutzer im Quartier „Am Hohen Weg“ sollen zu ihren Vorstellungen und Möglichkeiten hinsichtlich der künftigen Wärmeversorgung befragt werden.
Eine endgültige Entscheidung über das zukünftige Versorgungskonzept steht noch aus.
(RIEDSTADT – RED/PSR)
Beitragsbild: Sehr gut besucht war die Infoveranstaltung mit Bürgermeister Marcus Kretschmann (mit Mikrofon) sowie Sanierungsmanager Benjamin Krick, dem Geschäftsführer von Vitos Südhessen Ralf Schulz und Martin Freystein von ENTEGA (v.li.). Foto: Stadt Riedstadt


